Abendlied für die Entfernte

D 856 Opus 88 - 1

Friedrich von Schlegel 1970 - 1970

Interpreten: Peter Schöne - Bariton | Boris Cepeda - Klavier

Aufnahme: Donnerstag, 05. Februar 2009 | Erfurt

Liedtext

Hinaus, mein Blick! hinaus ins Thal!
Da wohnt noch Lebensfülle;
Da labe dich im Mondenstrahl
Und an der heil'gen Stille.
Da horch nun ungestört, mein Herz,
Da horch den leisen Klängen,
Die, wie von fern, zu Wonn' und Schmerz
Sich dir entgegen drängen.

Sie drängen sich so wunderbar,
Sie regen all mein Sehnen.
O sag mir, Ahndung, bist du wahr?
Bist du ein eitles Wähnen?
Wird einst mein Aug' in heller Lust,
Wie jetzt in Thränen, lächeln?
Wird einst die oft empörte Brust
Mir sel'ge Ruh umfächeln?

Wenn Ahndung und Erinnerung
Vor unserm Blick sich gatten,
Dann mildert sich zur Dämmerung
Der Seele tiefster Schatten.
Ach, dürften wir mit Träumen nicht
Die Wirklichkeit verweben, 
Wie arm an Farbe, Glanz und Licht
Wärst [dann du{Schubert: "du, o"}] Menschenleben!

So hoffet treulich und beharrt
Das Herz bis hin zum Grabe;
Mit Lieb' umfaßt's die Gegenwart,
Und dünkt sich reich an Habe.
Die Habe, die es selbst sich schafft,
Mag ihm kein Schicksal rauben:
Es lebt und webt in Wärm' und Kraft,
Durch Zuversicht und Glauben.

Und wär in Nacht und Nebeldampf
Auch alles rings erstorben,
Dieß Herz hat längst für jeden Kampf
Sich einen Schild erworben.
Mit hohem Trotz im Ungemach
Trägt es, was ihm beschieden.
So schlummr' ich ein, so werd' ich wach,
In Lust nicht, doch in Frieden.

Friedrich von Schlegel
Portrait aus "Meyer's Encyclopedia", 1906
Zeno.org - Public domain

Zum Text

August Wilhelm Schlegel schrieb sein Gedicht 1789. Es wurde unter dem Titel Abendlied für --- im Taschenbuch zum geselligen Vergnügen: auf das Jahr 1795 von Gottlieb Wilhelm Becker veröffentlicht. Schlegel hatte um diese Zeit Caroline Böhmer, seine spätere Frau kennengelernt. Vermutlich ist Böhmer die "Entfernte", die später dem Titel hinzugefügt wurde.
Das originale Gedicht von August Wilhelm von Schlegel enthält sechs Strophen. Schubert ließ die dritte Strophe weg:

Und rief auch die Vernunft mir zu:
"Du mußt der Ahndung zürnen,
Es wohnt entzückte Seelenruh
Nur über den Gestirnen;"
Doch könnt' ich nicht die Schmeichlerin
Aus meinem Busen jagen:
Oft hat sie meinen irren Sinn
Gestärkt empor getragen."

Zur Musik

Komponiert: September 1825
Veröffentlichung (angezeigt): 12. Dezember 1827
Originaltonart:  F - Dur
Liedform: A-A-B
Aufnahmetonart:  D - Dur
Schuberts Wohnort 1825

Die melancholische Bewegung wird durch die durchgängige, an eine Litanei erinnernde Melodie im 6/8 Takt und den Wechsel von Dur und Moll in den Strophen hervorgerufen.

Die Melodie in der rechten Hand im Klavier am Anfang des Liedes findet sich ähnlich im zweiten Thema (Takt 86ff.) des 3. Satzes des Streichquartetts op. 51 Nr. 1 c-moll von Johannes Brahms.

Quellenlage

Informationen zur Quellenlage (Manuskripte etc.) finden Sie hier: Thematisches Verzeichnis von Otto Erich Deutsch

Die Veröffentlichung besorgte 1827 Thaddäus Weigl in Wien als Opus 88 - 1 | Verlagsnummer 2696

Die Erstveröffentlichung erfolgte als op. 88 bei Thaddäus Weigl.

Zur Veröffentlichung

Deckblatt Opus 88 4.1
Deckblatt Wiener Zeitung 12. Dezember 1827 4.2

Noten

Alte Gesamtausgabe, Serie  XX, Bd. 08 № 482
Neue Schubert-Ausgabe  IV, Bd. 04
Friedlaender Edition  Bd. 3 » 52
Bärenreiter Urtext Edition  Bd. 3 » 64

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