Komponist: Franz Schubert (1797-1828) Textdichter: Johann Baptist Mayrhofer (1787-1836)

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Interpreten: Peter Schöne - Bariton / Boris Cepeda - Piano
Aufnahme: Dienstag, 13. Januar 2009 - Berlin



Liedtext

heutige Schreibweise

Mir ist so wohl, so weh
Am stillen Erlafsee.
Heilig Schweigen
In Fichtenzweigen.
Regungslos
Der [dunkle]1.1 Schoß;
Nur der Wolken Schatten flieh'n
[Überm glatten]1.2 Spiegel hin.

Feenbild, was willst du mir,
So [umschwebst]1.3 du mich auch hier?
Weiche aus dem Land der Hirten.
Hier gedeihen keine Myrthen;
Schilfgras nur und Tannenwucht
Kränzen diese stille Bucht.

Frische Winde
Kräuseln linde
Das Gewässer;
Und der Sonne
[Güldne]1.4 Krone
Flimmert blässer.

Ach, weine nicht, du süßes Bild!
Der Wellendrang ist bald gestillt,
Und glatter See, und Lüfte lau,
Erheitern dich, du Wunderfrau.

Des Sees Rand
Umschlingt ein Band,
Aus [lichtem]1.5 Grün gewunden:
[Es ist der Fluß,
der]1.6 treiben muß
Die Sägemühlen unten.

Unwillig krümmt er sich am Steg
Von seiner schönen Mutter weg,
Und fließt zu fernen Gründen.
Wirst, Liebe! auch mit [holder]1.7 Hand,
Des Sängers ernstes Felsenland,
Mit Blüthenrot umwinden?

1.1 Schubert & Mayrhofer (1818): "blaue"
1.2 Schubert: "Überm dunklen"; Mayrhofer (1818): "Über'n glatten"
1.3 Mayrhofer (1818): "umspinnst"
1.4 Mayrhofer (1818): "Goldne"
1.5 Mayrhofer (1818): "hellem"
1.6 Mayrhofer (1818): "Das Band, ein Fluß / Dann"
1.7 Mayrhofer (1818): "milder"

Quelle(n) & alternative Kompositionen: www.lieder.net

Entstehung

komponiert: September 1817

Veröffentlichung (angezeigt): 24. Januar 1818

Originaltonart: F-Dur

Liedform: A-B-A'

Besonderheiten:

Zum Text

Textbild
Johann Mayrhofer

Mayrhofer war im Herbst 1816 mit Hermann, dem Sohn seines Juraprofessors Heinrich Josef Watteroth auf einer Wanderung nach Lilienfeld in Niederösterreich auch am Erlafsee (heute Erlauffsee) vorbeigekommen. Die Reise führte auch nach Lunz am See und zum  Wallfahrtsort Mariazell. Vermutlich haben Sie auch viel über Schubert gesprochen. Das Gedicht Erlafsee D 586, sowie die Gedichte Lunz (Abschied) D 475 und besonders Geheimnis (An Franz Schubert) D 491 mögen unter diesem Eindruck entstanden sein. 2.1
Im Jahr 1818 erschien im 6. Jahrgang des Mahlerischen Taschenbuchs für Freunde interessanter Gegenden, Natur- und Kunst-Merkwürdigkeiten der Österreichischen Monarchie eine Beschreibung möglicherweise dieser Reise. Ebenso ein Kupferstich des Erlaphsees.

Der Herausgeber dieses Taschenbuches war Dr. Franz Sartori, Vorsteher des Zentral-Bücher-Revisions-Amtes und damit Mayrhofers Vorgesetzter. In dieser Veröffentlichung erschien auch als Beilage das erste jemals gedruckte Lied Franz Schuberts Erlafsee D 586. 2.2

Mayrhofer soll auch unglücklich verliebt gewesen sein in Mina (Wilhelmine Watteroth, die Tochter seines Professors Heinrich Josef Watteroth). 2.3 Diese heiratete jedoch später Josef Wilhelm Witteczek, der ebenfalls Jura bei Heinrich Josef Watteroth studiert hatte. 2.4

Johann Mayrhofer veröffentlichte seine Gedichte 1824 bei der eher kleinen Verlagsbuchhandlung Friedrich Volke in Wien. Diese Veröffentlichung ist als Digitalisat in der Österreichischen Nationalbibliothek online studierbar. Das Gedicht findet sich auf Seite 15. 2.5

Zur Musik

Mayrhofer war ein enger Freund Franz Schuberts und wohnte drei Jahre von 1819-1821 gemeinsam mit ihm in einer Wohngemeinschaft. Er schreibt am 23. Februar 1829 im Neuen Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst in seinen Erinnerungen an Franz Schubert:

"Mein Verhältniß mit Franz Schubert wurde dadurch eingeleitet, daß ihm ein Jugendfreund das Gedicht „am See" – es ist das vierte in dem bei Volke 1824 erschienenen Bändchen – zur Komposition übergab. An des Freundes Hand betrat 1814 Schubert das Zimmer, welches wir 5 Jahre später gemeinsam bewohnen sollten. Es befindet sich in der Wipplingerstraße (heute Nr.2).
(...)
Dieses Grundgefühl, und die Liebe für Dichtung und Tonkunſt machten unser Verhältniß inniger; ich dichtete,er komponierte, was ich gedichtet, und wovon Vieles seinen Melodien Entstehung, Fortbildung und Verbreitung verdankt." 3.1

Dieser engen Beziehung verdanken wir 47 Gedichtvertonungen durch Schubert.

Franz Schubert war 20 Jahre alt, als er dieses Lied schrieb.

Ein Jahr zuvor schrieb er unter anderem die verschollene Prometheus-Kantate (o.g. Professor Watteroth gewidmet ... laut Schuberts Tagebuch, seine erste Komposition für Geld). 3.2

Zur Veröffentlichung

Zur Quellenlage (Manuskripte etc.) kann man sich im thematischen Verzeichnis von O.E.Deutsch informieren.

Ein Autograph befindet sich in der Wienbibliothek im Rathaus. Es kann online recherchiert werden.
Ein weiteres fragmentarisches Autograph befindet sich in der Staatsbibliothek zu Berlin preußischer Kulturbesitz. Es kann ebenfalls online recherchiert werden.

Wie bereits oben beschrieben, erschien im Jahr 1818 im 6. Jahrgang des Mahlerischen Taschenbuchs für Freunde interessanter Gegenden, Natur- und Kunst-Merkwürdigkeiten der Österreichischen Monarchie das erste jemals gedruckte Lied Franz Schuberts Erlafsee D 586. 2.2

Ein Digitalisat des Erstdrucks kann auf google.com im o.g. Taschenbuch gefunden und online recherchiert werden. Nach S. 186 4.1

Aus der amtlichen Wiener Zeitung vom 24. Januar 1818: 4.2

Bey Anton Doll, dem jüngern, Buchhändler,
in der Bischofgasse nächst dem Lichtensteg, dem großen
Federlhof gegenüber, ist neu zu haben:

Mahlerisches Taschenbuch
für Freunde interessanter Gegenden, Natur- und Kunst-Merkwürdigkeiten der Österr. Monarchie.
Von Dr. F. Sartori.
Sechster Jahrgang. Mit 5 Kupfern. 8.1818.
In geschmackvollen Umschlag brosch. 6 fl. - Alle 6 Jahrg. 36 fl.
Die Schilderung der majestätischen Donau, dieses herrlichen wahrhaft österreichischen Hauptstromes, der hochberühmt durch die Schönheit seiner Ufer, und der Städte, Markflecken und Ritterburgen an denselben, jedem Freunde vaterländischer Merkwürdigkeiten von hohem Interesse ist, eröffnet den Kranz der Aufsätze dieses Taschenbuches, die in Hinsicht seiner Gegenstände und seines innern Gehaltes, sowohl als seines reizenden und lebhaften Vortrags noch alle Jahre größern Beifall gefunden hat.
Auch in diesem Jahre sprechen besonders Buchlau, der Wohnsitz des unsterblichen Menschenfreundes Grafen Berchtold, die vortrefflich geschilderten Ruinen von Altkring in Kärnten, von Jos. Mitterdorfer, die Festung Peterwardein in Ungarn, dieses ungarische Gibraltar, die Reise nach Lunz in Österreich, und die zwei zarten sinnigen Gedichte von Joh. Mayrhofer: auf der Donau und am Erlafsee, wovon das letzte mit einer eben so genialen als lieblichen Musik von Schubert begleitet ist, den gefühlvollen Leser auf die angenehmste Art an.
Die Schönheit und Eleganz dieses Taschenbuches ist längst bekannt. Die Kupfer sind eben so überraschend als meisterhaft gearbeitet, und bieten bei der Lektüre des Werkes das größte Vergnügen.

Die Veröffentlichung als op. 8 besorgte Cappi & Diabelli in Wien 4.3

Der Jüngling auf dem Hügel D 702 von Heinrich Hüttenbrenner
Sehnsucht D 516
Erlafsee D 586
am Strome D 539 von Mayrhofer

Für eine Singstimme mit Begleitung des Piano-Forte in Musik gesetzt und dem hochgebohrnen Herrn Joh. Carl Grafen Esterhazy von Galantha
k.k. würklichen Kämmerer & ehrfurchtsvoll gewidmet von
Franz Schubert

Aus der amtlichen "Wiener Zeitung" vom 9. Mai 1822: 4.4

Bei Cappi und Diabelli,
Kunst- und Musikalienhändler, am Graben Nr. 1133,
........
Ferner ist ganz neu erschienen:
Das achte Heft von Schuberts Gesängen, mit Begleitung des Pianoforte, und enthält folgende Gedichte: Der Jüngling auf dem Hügel D 702, von H. Hüttenbrenner. Sehnsucht D 516, Erlaf-See D 586 und am Strome D 539, von Mayrhofer. Pr. 2 fl.
Kenner und Liebhaber haben bereits Schuberts Werke nach Verdienst gewürdigt; es bedarf daher dieses Heft keiner weitern Anempfehlung.


Quelle(n)

2.1 Peter Härtling, Schubert, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2010, Abschnitt 16 sowie Otto Erich Deutsch, Schubert, Die Dokumente seines Lebens, Bärenreiter Kassel, 1964, S. 50

2.2 Mahlerisches Taschenbuch für Freunde interessanter Gegenden: Natur- und Kunst-Merkwürdigkeiten der Österreichischen Monarchie, Verlag Doll, Herausg. Franz Sartori, Wien, Jhg. 1818, Signatur: SH.Varia.118.Adl.

2.3 Wikipedia: Johann Mayrhofer, Wikipedia contributors, Wikipedia, The Free Encyclopedia. Date of last revision: 28 October 2018 21:11 UTC

2.4 WienGeschichteWiki: Heinrich Joseph Watteroth, Personendaten.

2.5 Österreichische Nationalbibliothek - Digitalisierte Sammlungen, Gedichte von Johann Mayrhofer, Wien, Verlag Friedrich Volke, 1824, Sig. 71.Bb.5.(Vol.1)

3.1 Österreichische Nationalbibliothek, Digitalisierte Sammlungen, Neues Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst, Sig. 392789-C.20.21

3.2 Kreissle von Hellborn, Heinrich: Franz Schubert, Erstdruck: Wien (Carl Gerolds Sohn) 1865. S. 104

4.1 www.google.com, Google Books, Erstdruck im Mahlerischen Taschenbuch 1818  - siehe unter 2.2

4.2 Österreichische Nationalbibliothek, Digitalisierte Sammlungen, ANNO, Digitalisierte Zeitungen und Zeitschriften, Wiener Zeitung Jhg. 1818, Ausgabe vom 24. Januar, S. 12

4.3 Österreichische Nationalbibliothek - Digitalisierte Sammlungen, Erstdruck op. 08, Cappi und Diabelli Wien, Sig. SH.Schubert.46

4.4 Österreichische Nationalbibliothek, Digitalisierte Sammlungen, ANNO, Digitalisierte Zeitungen und Zeitschriften, Wiener Zeitung Jhg. 1822, Ausgabe vom 09. Mai, S. 4

Deutsch, Otto Erich. Franz Schubert: Thematisches Verzeichnis seiner Werke in chronologischer Folge, Bärenreiter 1967, S.340


Geschrieben von: Peter Schöne

Noten

Alte Gesamtausgabe Serie XX, Bd. 05, Nr. 331

Neue Gesamtausgabe

Bärenreiter Urtext I » 63

Link zum Manuskript
schubertmanu

Erstdruck

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Originalversion des Liedes

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Quelle imslp.org o.a.: Erlafsee.pdf