Komponist: Franz Schubert (1797-1828)
Textdichter: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

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Interpreten: Peter Schöne - Bariton / Boris Cepeda - Piano
Aufnahme: Dienstag, 16. Dezember 2008 - Berlin



Liedtext

heutige Schreibweise

  Mahadöh, der Herr der Erde,
  Kommt herab zum sechstenmal,
  Daß er unsers gleichen werde,
  Mit zu fühlen Freud' und Qual.
  Er bequemt sich hier zu wohnen,
  Läßt sich Alles selbst geschehn.
  Soll er strafen oder schonen,
  Muß er Menschen menschlich sehn.
Und hat er die Stadt sich als Wandrer betrachtet,
Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,
Verläßt er sie Abends, um weiter zu gehn.

  Als er nun hinausgegangen,
  Wo die letzten Häuser sind,
  Sieht er, mit gemahlten Wangen
  Ein verlornes schönes Kind.
  Grüß' dich, Jungfrau! - Dank der Ehre!
  Wart', ich komme gleich hinaus -
  Und wer bist du? - Bajadere,
  Und dieß ist der Liebe Haus.
Sie rührt sich, die Cymbeln zum Tanze zu schlagen;
Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,
Sie neigt sich und biegt sich, und reicht ihm den Strauß.

  Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,
  Lebhaft ihn ins Haus hinein.
  Schöner Fremdling, lampenhelle
  Soll sogleich die Hütte seyn.
  Bist du müd', ich will dich laben,
  Lindern deiner Füße Schmerz.
  Was du willst, das sollst du haben,
  Ruhe, Freuden oder Scherz.
Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden.
Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden,
Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.

  Und er fordert Sklavendienste;
  Immer heitrer wird sie nur,
  Und des Mädchens frühe Künste
  Werden nach und nach Natur.
  Und so stellet auf die Blüte
  Bald und bald die Frucht sich ein;
  Ist Gehorsam im Gemüthe,
  Wird nicht fern die Liebe seyn.
Aber, sie schärfer und schärfer zu prüfen,
Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
Lust und Entsetzen und grimmige Pein.

  Und er küßt die bunten Wangen,
  Und sie fühlt der Liebe Qual,
  Und das Mädchen steht gefangen,
  Und sie weint zum erstenmal;
  Sinkt zu seinen Füßen nieder,
  Nicht um Wollust noch Gewinnst,
  Ach! und die gelenken Glieder,
  Sie versagen allen Dienst.
Und so zu des Lagers vergnüglicher Feyer
Bereiten den dunklen behaglichen Schleier
Die nächtlichen Stunden, das schöne Gespinst.

  Spät entschlummert unter Scherzen,
  Früh erwacht nach kurzer Rast,
  Findet sie an ihrem Herzen
  Todt den vielgeliebten Gast.
  Schreiend stürzt sie auf ihn nieder,
  Aber nicht erweckt sie ihn,
  Und man trägt die starren Glieder
  Bald zur Flammengrube hin.
Sie höret die Priester, die Todtengesänge,
Sie raset und rennet und theilet die Menge.
Wer bist du? was drängt zu der Grube dich hin?

  Bei der Bahre stürzt sie nieder,
  Ihr Geschrei durchdringt die Luft:
  Meinen Gatten will ich wieder!
  Und ich such ihn in der Gruft.
  Soll zu Asche mir zerfallen
  Dieser Glieder Götterpracht?
  Mein! er war es, mein vor allen!
  Ach, nur Eine süße Nacht!
Es singen die Priester: Wir tragen die Alten,
Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,
Wir tragen die Jugend, noch eh' sie's gedacht.

  Höre deiner Priester Lehre:
  Dieser war dein Gatte nicht.
  Lebst du doch als Bajadere,
  Und so hast du keine Pflicht.
  Nur dem Körper folgt der Schatten
  In das stille Todtenreich;
  Nur die Gattin folgt dem Gatten:
  Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.
Ertöne, Drommete, zu heiliger Klage!
O nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage,
O nehmet den Jüngling in Flammen zu euch!

  So das Chor, das ohn' Erbarmen
  Mehret ihres Herzens Noth;
  Und mit ausgestreckten Armen
  Springt sie in den heißen Tod.
  Doch der Götter-Jüngling hebet
  Aus der Flamme sich empor,
  Und in seinen Armen schwebet
  Die Geliebte mit hervor.
Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;
Unsterbliche heben verlorene Kinder
Mit feurigen Armen zum Himmel empor.

Quelle(n) & alternative Kompositionen: www.lieder.net

Entstehung

komponiert: 18. August 1815

Veröffentlichung (angezeigt): Januar 1887

Originaltonart: Es-Dur

Liedform: Strophenlied

Besonderheiten:

Zum Text

Textbild
Johann Wolfgang von Goethe im 80. Lebensjahr
Joseph Karl Stieler

Goethe schrieb sein Gedicht Gott und die Bajadere. Eine indische Legende im Jahr 1797. Man kann sich umfangreich auf der Seite wikipedia.org über das Gedicht informieren.
Es wurde zum ersten Mal im Musen-Almanach für das Jahr 1798, herausgegeben von Schiller, auf S. 188ff. veröffentlicht. 2.1
Ebenfalls findet man es in Goethe's Werken, Vollständige Ausgabe letzter Hand, Erster Band, Stuttgart und Tübingen, in der J.G.Cotta'schen Buchhandlung, 1827, S. 229ff. Als Digitalisat ist es bei hathitrust.org abrufbar. 2.2

Zur Musik

Das Verhältnis zwischen Schubert und Goethe war ambivalent. Während Schubert den 47 Jahre älteren Meister verehrte, hat Letzterer ihn kaum beachtet. Obwohl Goethe einige von Schuberts vertonten Gedichte durch eine Sendung Joseph von Spauns erhielt, gelang es dem Jüngeren nicht, mit seinen Kompositionen bis zu Goethe durchzudringen. Zu fremd waren den Ohren des alten Meisters der Klassik die neuen Klänge. 3.1
1830, zwei Jahre nach Schuberts Tod, soll Goethe den Erlkönig, gesungen von Wilhelmine Schröder-Devrient gehört haben. Ob ihm tatsächlich die Komposition, oder das junge Mädchen gefallen hat, bleibt dahingestellt. 3.2

Schubert vertonte 62 Texte von Goethe, manche sogar mehrmals. Am Ende liegen uns heute fast 80 Kompositionen vor. Viele davon sind Lieder. Einige für mehrere Stimmen und Instrumente.

Schubert war 18 Jahre alt, als er dieses Lied schrieb.

Das zweite Liederheft für Goethe stellte Schubert laut Revisionsbericht der AGA unter dem Titel Lieder von Goethe componirt von Franz Schubert folgendermaßen zusammen:

Sehnsucht D 123
Wer kauft Liebesgötter D 261
Trost in Tränen D 120
Der Gott und die Bajadere D 254
Nachtgesang D 119
Sehnsucht D 310
Mignon D 321
Bundeslied D 258
Tischlied D 234
An den Mond D 259
Der Rattenfänger D 255
Der Sänger D 149

Es wurde in drei Teile geteilt. Teil I liegt in der Wienbibliothek im Rathaus der Stadt Wien, Teil II und Teil III liegen in der Bibliothèque nationale de France, Paris. Alle Autographe können als Digitalisat online recherchiert werden.

Zur Veröffentlichung

Zur Quellenlage (Manuskripte etc.) kann man sich im thematischen Verzeichnis von O.E.Deutsch informieren.

Die Erstveröffentlichung besorgten im selben Jahr Max Friedländer im Band VII seiner bei Edition Peters Leipzig 1887 erschienenen Schubertbände und

Josef Weinberger und Hofbauer 1887, Wien: 4.1

Sehnsucht D 123 (Goethe),
Der Gott und die Bajadere  D 254 (Goethe),
Bundeslied D 258 (Goethe)

Nach dem Original-Manuscript revidirt von Professor Heinrich von Bocklet

 

Deckblatt 1887


Geschrieben von: Peter Schöne

Noten

Alte Gesamtausgabe Serie XX, Bd. 04, Nr. 111

Neue Gesamtausgabe IV, Bd. 08

Friedländer Bd. VII » 106

Bärenreiter Urtext VII » 145

Link zum Manuskript
schubertmanu

Erstdruck

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Originalversion des Liedes

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Quelle imslp.org o.a.: Der Gott und die Bajadere.pdf