Komponist: Franz Schubert (1797-1828)
Textdichter: Theodor Körner (1791-1813)

Wir empfehlen Ihnen, die Lieder mit einem Kopfhörer anzuhören!

download

Interpreten: Peter Schöne - Bariton / Holger Berndsen - Piano
Aufnahme: Samstag, 05. September 2015 - München



Liedtext

Vor Thebens siebenfach gähnenden Toren
Lag im furchtbaren Brüderstreit
Das Heer der Fürsten zum Schlagen bereit,
Im heiligen Eide zum Morde verschworen.
Und mit des Panzers blendendem Licht
Gerüstet, als gält es die Welt zu bekriegen,
Träumen sie jauchzend von Kämpfen und Siegen,
Nur Amphiaraos, der Herrliche, nicht.

Denn er liest in dem ewigen Kreise der Sterne,
Wen die kommenden Stunden feindlich [bedrohn]1.1.
Des Sonnenlenkers gewaltiger Sohn
Sieht klar in der Zukunft nebelnde Ferne.
Er kennt des Schicksals verderblichen Bund,
Er weiß, wie die Würfel, die eisernen, fallen,
Er sieht die [Moira]1.2 mit blutigen Krallen,
Doch die Helden verschmähen den [heil'gen]1.3 Mund.

Er sah des Mordes gewaltsame Taten,
Er wußte, was ihm die Parze spann.
So ging er zum Kampf, ein verlorner Mann,
Von dem eignen Weibe schmählich verraten.
Er war sich der himmlischen Flamme bewußt,
Die heiß die kräftige Seele durchglühte,
Der Stolze nannte sich Apolloide,
Es schlug ihm ein göttliches Herz in der Brust.

"Wie? - ich, zu dem die Götter geredet,
Den der [Weisheit]1.4 heilige Düfte umwehn,
Ich soll in gemeiner Schlacht vergehn,
Von Periklymenos Hand getötet?
Verderben will ich durch [eigne]1.5 Macht,
Und staunend vernehm' es die kommende Stunde,
Aus künftiger Sänger geheiligtem Munde,
Wie ich kühn mich gestürzt in die ewige Nacht."

Und als der blutige Kampf begonnen,
Und die Ebne vom Mordgeschrei wiederhallt,
So ruft er verzweifelnd: "Es naht mit Gewalt,
Was mir die untrügliche Parze gesponnen.
Doch wogt in der Brust mir ein göttliches Blut,
Drum will ich auch wert des Erzeugers verderben."
Und wandte die Rosse auf Leben und Sterben,
Und jagt zu des Stromes hochbrausender Flut.

Wild schnauben die [Hengste]1.6, laut rasselt der Wagen,
Das Stampfen der Hufe [zermalmt]1.7 die Bahn.
Und schneller und schneller noch rast es heran,
Als gält' es, die [flücht'ge]1.8 Zeit zu erjagen.
Wie wenn er die Leuchte des Himmels geraubt,
Kommt er [im]1.9 Wirbeln der Windsbraut geflogen;
Erschrocken heben die Götter der Wogen,
Aus schäumenden Fluten das schilfichte Haupt.

[Doch]1.10 plötzlich, als wenn der Himmel erglühte,
Stürzt ein Blitz aus der heitern Luft,
Und die Erde zerreißt sich zur furchtbaren Kluft;
Da rief laut jauchzend der Apolloide:
"Dank dir, Gewaltiger, fest steht mir der Bund,
Dein Blitz ist mir der Unsterblichkeit Siegel,
Ich folge dir, Zeus!" - und er faßte die Zügel,
Und jagte die Rosse hinab in den Schlund.

1.1 Schubert (Neue Gesamtausgabe): "bedrohen"
1.2 Schubert: "Möira"
1.3 Schubert: "heiligen"
1.4 Schubert: "Wahrheit"
1.5 Schubert: "eigene"
1.6 Schubert: "Rosse"
1.7 Schubert: "zermalmet"
1.8 Schubert: "flüchtige"
1.9 Schubert (Alte Gesamtausgabe): "in"
1.10 Schubert: "Und"

Quelle(n) & alternative Kompositionen: www.lieder.net

Entstehung

komponiert: 1. März 1815

Veröffentlichung (angezeigt): 1894

Originaltonart: g-Moll

Liedform: Solokantate

Besonderheiten:

Zum Text

Textbild
Dora Stock
Theodor Körner 1814

Theodor Körners Gedicht Amphiaraos erschien erstmals 1810 in seinem Gedichtband Knospen auf Seite 91ff.

Weitere Ausgaben seiner Gedichte:

Körner, Theodor, Gedichte Band 1, Wien Bauer, 1815, S.70ff.

Band 1 von Theodor Körners sämmtliche Werke, Christoph August Tiedge, Verlag A.F. Macklot, 1818, S. 123ff.

Zur Musik

Schubert vertonte 15 Gedichte von Körner (einige mehrfach) sowie das Singspiel Der vierjährige Posten D 190. 

Vermutlich wurde Schubert unmittelbar durch den 1815 in Wien bei Bauer frisch erschienenen Gedichtband mit Gedichten Körners zu seinen Kompositionen inspiriert. Denn alle Lieder bis auf eine Ausnahme sind in der Zeit zwischen 27. Februar 1815 und 15. Oktober 1815 entstanden. 

Zur Veröffentlichung

Zur Quellenlage (Manuskripte etc.) kann man sich im thematischen Verzeichnis von O.E.Deutsch informieren.

Das Manuskript liegt in der Wienbibliothek im Rathaus. Es wurde leider noch nicht als Digitalisat zur Verfügung gestellt. Hier der Link zum Katalog.

Die Erstveröffentlichung besorgte Eusebius Mandyczewski 1894 in der Alten Gesamtausgabe AGA.


Deutsch, Otto Erich. Franz Schubert: Thematisches Verzeichnis seiner Werke in chronologischer Folge, Bärenreiter 1967, S.118


Geschrieben von: Peter Schöne

Noten

Alte Gesamtausgabe Serie XX, Bd. 02, Nr. 52

Neue Gesamtausgabe IV, Bd. 08

Link zum Manuskript
schubertmanu

Originalversion des Liedes

PDF laden

Quelle imslp.org o.a.: Amphiaraos.pdf