Artists: Peter Schöne - Baritone | Boris Cepeda - Piano
Recording: Wednesday, 16. July 2008 | Berlin
Lyrics
Du holde Kunst, in wie viel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb' entzunden,
Hast mich in eine beßre Welt entrückt!
Oft hat ein Seufzer, deiner Harf' entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir
Den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür!
About poem
Der Text, der diesem Lied zugrunde liegt, ist ein Beispiel für Universalpoesie wie Friedrich Schlegel sie 1798 definierte. In ihm verbindet sich die reale Welt mit dem Gedanken an eine "bess're Welt" zu der man getragen durch die Musik "entrücken" kann. 1.1
Franz Schober schrieb das Gedicht im März 1817 und Schubert muss es unmittelbar vertont haben.
Schober ließ sich möglicherweise inspirieren von der 41. Stanze des Versepos Die bezauberte Rose von Ernst Schulze. 1.2 Dieses Werk dürfte im Kreise Schuberts bekannt gewesen sein, denn Schubert spielte mit dem Gedanken aus der bezauberten Rose eine Oper zu machen. Die Verse von Schulze lauten:
Du holde Kunst melodisch süßer Klagen,
Du tönend Lied aus sprachlos finsterm Leid,
Du spielend Kind, das oft aus schönern Tagen
In unsre Nacht so duft'ge Blumen streut,
Ach, ohne dich vermöcht' ich nie zu tragen,
Was feindlich längst mein böser Stern mir beut!
Wenn Wort und Sinn in Liebe freundlich klingen,
Dann flattert leicht der schwere Gram auf Schwingen.
Ein Manuskript des Textes liegt in der Wienbibliothek im Rathaus.
Das "falsche" Wort entzunden ist keine Wortschöpfung Schobers, sondern war zu seiner Zeit eine gebräuchliche Form für entzündet. Auch heute noch wird es sowohl in Österreich als auch in Bayern verwendet. Einen etymologischen Hinweis zum Wort findet man hier.1.3
About music
Schubert was 20 years old when he wrote this song.
Franz Schubert und Franz von Schober waren innigst miteinander befreundet. Sie wohnten ab 1818 mit einigen Unterbrechungen zusammen in Schobers Wohnung Tuchlauben 20, Landskrongasse 5 im ersten Wiener Bezirk (Ansicht vor 1905). Schober war mit vielen künstlerischen Persönlichkeiten bekannt und trug viel dazu bei, dass sich Schuberts Werk zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus verbreitete.
Heute liegen uns 13 Vertonungen der Gedichte Schobers als Sololied vor. Vermutlich setzte Schubert die Gedichte sofort oder kurz nach ihrer Entstehung in Musik.
Ein weiteres Lied Augenblicke im Elysium ging verloren, bevor es in den ersten allgemeinen Sammlungen Schubertscher Lieder Einzug halten konnte. Es findet sich lediglich ein Hinweis in der zweiten vermehrten Auflage der Gedichte Schobers (Leipzig, 1865). Dort heißt es im Untertitel zum Gedicht "Von Franz Schubert in Musik gesetzt".2.1
Eine interessante Deutung der Komposition An die Musik als homoerotischer Liebesbrief an Franz von Schober ist im Buch Geheime Botschaften von Ilija Dürhammer zu finden. 2.2
Dürhammer deutet die "warme Lieb" als Synonym für "warmer Bruder", ein Begriff, der sowohl in der christlichen Mythik, als auch im islamischen Sufismus aus der "geschworenen Bruderschaft" übrig geblieben ist. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass Zeichen der Zuneigung, die früher womöglich üblich waren, nur für eine besonders intensive Form der Freundschaft standen. Man umarmte sich, reiste gemeinsam und selbst zusammen in einem Bett zu schlafen, war nicht selten.
Trivia
Schubert widmete dieses Lied am 24. April 1827 dem Wiener Klaviervirtuosen Albert Sowinsky. Gustav Schilling bemerkt über Albert Sowinsky in seinem 1842 erschienenen Werk "Das musikalische Europa" auf Seite 320: Sowinsky, Albert, ein Pole von Geburt, geboren um 1810, tüchtiger Claviervirtuos und Componist für sein Instrument; von 1826 an reiste er in Deutschland und Italien, wo er sich besonders in Wien, Mailand, Turin u. m. a. Städten großen Beifall erwarb; 1833 kam er nach Paris, wo er sich seither fast ausschließlich aufhält, besonders auch als Lehrer sehr geschätzt. Seine Compositionen sind in sehr gefälligem Style gehalten. 2.3
Und noch aus Stefan Zweig, Die Welt von Gestern
“Aber wie dankbar gedenke ich noch jener Kameradschaft! Wieviel hat sie mir geholfen! Wie haben diese feurigen Diskussionen, dies wilde Überbieten, dies gegenseitige Sich-Bewundern und Sich-Kritisieren mir Hand und Nerv frühzeitig geübt, wieviel Ausblick und Überblick auf den geistigen Kosmos gegeben, wie beschwingt uns alle über die Öde und Tristheit unserer Schule emporgehoben! ›Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden ...‹, immer, wenn das unsterbliche Schubertlied anklingt, sehe ich in einer Art plastischer Vision uns auf unseren jämmerlichen Schulbänken mit gedrückten Schultern und dann auf dem Heimweg strahlenden, erregten Blickes, Gedichte kritisierend, rezitierend, leidenschaftlich alle Gebundenheit an Raum und Zeit vergessend, wahrhaft ›in eine bessere Welt entrückt‹.”
Die Welt von Gestern ist Stefan Zweigs Rückblick auf eine untergegangene Kultur: das liberale, kosmopolitische Europa vor den Katastrophen des 20. Jahrhunderts - eine Welt der Bildung, der Kunst, der bürgerlichen Sicherheit und der scheinbar selbstverständlichen Freiheit, die in Krieg, Nationalismus und Verfolgung zerbricht. Zweig schreibt nicht nur Erinnerungen, sondern ein Requiem: Er versucht festzuhalten, wie sich ein Leben anfühlte, bevor die Geschichte brutal in jedes Private eingriff.
In der Schubert-Stelle verdichtet sich dieses Thema exemplarisch. Das Lied wird zum inneren Fluchtweg: Aus der „Öde und Tristheit“ der Schule trägt es die Jugendlichen in einen geistigen Raum, in dem Zeit und Zwang ihre Macht verlieren. Schuberts „Du holde Kunst“ ist bei Zweig keine Dekoration, sondern eine Erfahrung von Freiheit - und zugleich ein später schmerzhaftes Erinnerungszeichen: Wenn es erklingt, steht die verlorene „bessere Welt“ mit einem Schlag wieder vor Augen.
- Am Bach im Frühlinge D 361 – Opus 109 - 1
- An die Musik – Erste Fassung D 547
- Genügsamkeit D 143 – Opus 109 - 2
- Jägers Liebeslied D 909 – Opus 96 - 2
- Pax Vobiscum D 551
- Pilgerweise D 789
- Schatzgräbers Begehr – Zweite Fassung D 761 – Opus 23 - 4
- Schiffers Scheidelied D 910
- Todesmusik D 758 – Opus 108 - 3
- Trost im Liede D 546 – Opus 101 - 3
Source situation
Here you can find some informations about sources: Thematisches Verzeichnis von Otto Erich Deutsch
The publication procured 1827 Thaddäus Weigl in Wien as Opus 88 - 4 | Publisher Number 2696
Das Lied existiert in zwei Fassungen. Die erste Fassung finden Sie hier:
An die Musik - erste Fassung
Ein Manuskript der zweiten Fassung findet sich in der Sammmlung Stefan Zweig, London. Dieses Sammlung, sowie das in ihr befindliche Manuskript liegt heute in der British Library und kann dort online studiert werden. Ein Faksimile-Abdruck befindet sich in Walter Dahms Buch Schubert aus dem Jahr 1912. Auf wikimedia.org ist ebenfalls eine sehr gut lesbare Version des Manuskripts online recherchierbar.
Die Erstveröffentlichung der zweiten Fassung erfolgte als op. 88 bei Thaddäus Weigl.
Scores
Original version


Sources
1.1 Friedrich Schlegel: Progressive Universalpoesie
1.2 Karl Kobald: Schubert und Schwind - Ein Wiener Biedermeierbuch, S. 207
1.3 Hinweis des Benutzers Peter Rastl
2.1Schober, Franz von: Gedichte, Leipzig: Verlag Weber, zweite vermehrte Auflage, 1865, S. 228
2.2 Dürhammer, Ilija: Geheime Botschaften. Böhlau Wien, 2006; S.96ff;
2.3 Schilling, Gustav: Das musikalische Europa Speyer, 1842
4.1 (D 856. 595. 862. 547. Op. 88.) Abendlied für die Entfernte. Thekla; (eine Geisterstime) Um Mitternacht. An die Musik. Gedichte v. A. W. Schlegel, Fr. v. Schiller, Ernst Schulze u. Schober. in Musik gesetzt für Eine Singstimme mit Pianoforte-Begleitung von Franz Schubert.
5.1Sheet music source @ imslp.org: An die Musik
6.1Lyric source and other compositions: www.lieder.net
7.1Otto E. Deutsch: Schubert. Thematic Catalogue of all his works in chronological order - Page 318
Written by: Peter Schöne







