Die Nebensonnen

Erste Fassung

D 911

Wilhelm Müller 1794 - 1827

Interpreten: Peter Schöne - Bariton | Christoph Schnackertz - Klavier

Aufnahme: Mittwoch, 24. September 2025 | Köln

Liedtext

Drei Sonnen sah' ich am Himmel stehn,
Hab' lang' und fest sie angesehn;
Und sie auch standen da so stier,
Als {S}könnten{S wollten} sie nicht weg von mir.
Ach, meine Sonnen seid ihr nicht!
Schaut {S}Andren{S Andern} doch in's Angesicht!
{S}Ja{S Ach}, neulich hatt' ich auch wohl drei:
Nun sind hinab die besten zwei.
Ging' nur die dritt' erst hinterdrein!
Im {S}Dunkel{S Dunkeln} wird mir wohler sein.

Wilhelm Müller
Portrait von Johann Friedrich Schröter
Wikimedia.org - Public domain

Zum Text

Das Gedicht Die Nebensonnen von Wilhelm Müller wurde veröffentlicht im Jahr 1823 in Deutsche Blätter für Poesie, Litteratur, Kunst und Theater.. Es findet sich auf Seite 165. -> Digitalisat online

Deutsche Blätter für Poesie, Litteratur, Kunst und Theater.

© Quelle: Bayerische Staatsbibliothek – Digitalisat eines gemeinfreien Werkes Nutzung des Digitalisats ausschließlich zu nicht-kommerziellen Zwecken (PPP)

Weitere Veröffentlichungen:

Deutsche Blätter für Poesie, Litteratur, Kunst und Theater., 1823, Seite 102

Digitalisat online

Zur Musik

Komponiert:  Oktober   1827
Originaltonart:  A - Dur
Liedform:   A-B-A
Aufnahmetonart:  G - Dur
Schuberts Wohnort 1827 | Tuchlauben 14 Wien

Schubert war 30 Jahre alt, als er dieses Lied schrieb.

Franz Schubert, Wilhelm Müller und die "Winterreise" - eine schaurige Kombination. Es scheint, als hätten sie beschlossen, den einsamen Wanderer im Winter auf eine Reise mitzunehmen, und jeder, der ihnen begegnet, sollte in Depressionen versinken. Helle Seiten findet man nur selten. Es überwiegt die Melancholie.

Schubert vertonte zuerst nur die 12 Gedichte, die in Urania erschienen waren und setzte ein großes Fine hinter den abschließenden Taktstrich. Offenbar gelangten die Gedichte des zweiten Teils erst später in seine Hand, denn er vertonte diese ab Oktober 1827.

Am 7. Oktober 1829 erschien eine umfangreiche Rezension in der Allgemeinen musikalischen Zeitung Leipzig (in der auch bereits zu Lebzeiten Schuberts einige Rezensionen anderer Lieder erschienen waren), 31. Jhg.

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Besonderheiten:

Nach Konzerten werde ich immer wieder gefragt, was es wohl mit den „drei Sonnen“ auf sich hat. Ein Zuhörer sah darin sogar die Symbolik von Glaube, Liebe und Hoffnung. Für mich persönlich verbirgt sich dahinter jedoch ein anderes Bild: die Sonne und die beiden Augen der verlorenen Braut. Besonders deutlich wird das in der Zeile „Nun sind hinab die besten zwei“. Nachdem er die beiden besten Lichter – die Augen – verloren hat, wünscht er sich, dass auch das dritte Licht, die eigentliche Sonne, für immer untergehen möge. eine weitere mögliche Lesart wäre:

Historischer Hintergrund – Metternichs Überwachungsstaat

Nach dem Wiener Kongress (1815) und den Karlsbader Beschlüssen (1819) etablierte Fürst Metternich ein rigides System der Zensur und Überwachung. Intellektuelle Aktivitäten wurden streng kontrolliert; Zensurbehörden, Spitzelnetzwerke und Aufsichtspersonen waren allgegenwärtig. In Wien gab es zeitweise rund 2.000 intellektuelle Agenten, die den Kulturbetrieb überwachten. Wilhelm Müllers Texte – darunter auch jene der Winterreise – gerieten zunehmend ins Visier.

In Die Nebensonnen blickt das lyrische Ich zurück – nicht nur auf einen äußeren Anblick, sondern auf die eigenen Illusionen: „Drei Sonnen sah ich am Himmel stehn.“ Diese „Nebensonnen“ – eine reale atmosphärische Erscheinung – werden hier zum Symbol für die Täuschungen, denen das Ich erlegen war. Politisch gelesen stehen sie für jene Ideale, denen sich der Einzelne einst zugewandt hatte: Aufklärung, Freiheit, Menschlichkeit – Werte, die unter Metternichs System zur bloßen Lichtspiegelung verkommen sind. Sie leuchteten hell, waren aber nicht echt.

Der Moment der Erkenntnis ist radikal: Das Ich hat erkannt, dass es sich nicht um „wahre Sonnen“ handelte, sondern um Illusionen. Zwei davon „sind hinab“ – möglicherweise eine symbolische Geste der bewussten Abkehr von falschen Versprechungen politischer oder gesellschaftlicher Erlösung. Nur eine „Sonne“ bleibt – doch selbst diese spendet keine Wärme mehr. Diese Aussage markiert eine tiefe existenzielle Leere, in der nicht einmal mehr die Erinnerung an Hoffnung Bestand hat.

Im politischen Kontext lässt sich Die Nebensonnen als Endpunkt einer Entwicklung lesen: Der Wanderer, Sinnbild für den Ausgestoßenen, hat alle äußeren Bezugspunkte verloren. Gesellschaft, Glaube, Ideale – alles ist als trügerisches Licht entlarvt. Was bleibt, ist Kälte, Leere, Licht ohne Wärme. Damit bereitet das Lied den Weg für den letzten, entpersonalisierten Zustand im Leiermann vor: Das lyrische Ich ist nun gänzlich entkoppelt – von der Welt, von sich selbst, von jedem Sinn.

Quellenlage

Informationen zur Quellenlage (Manuskripte etc.) finden Sie hier: Thematisches Verzeichnis von Otto Erich Deutsch

Ort des Manuskripts: The Morgan Library New York

Noten


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